Mittwoch, 18. September 2002
Der Besucher
Schauspiel von Eric-Emmanuel Schmitt
Mit: Hans-Peter Minetti, Johanna Lonsky u.a.
Bühne 64
Eric-Emmanuel Schmitt, einer der zurzeit talentiertesten neuen französischen
Theaterautoren, fasziniert mit "Enigma" oder "Der Freigeist" auch mit seinem
Stück "Der Besucher".
Die Uraufführung von "Le Visiteur" (Der Besucher) am 23. September 1993 war
ganz ohne Zweifel das Ereignis der Pariser Theatersaison. Die Kritik überschlug
sich geradezu in Enthusiasmus und feierte den französichen Autor als eine große
Dramatikerentdeckung. Seither wurden die Aufführungsrechte in 12 Länder verkauft.
Nach 400 ausverkauften Vorstellungen in Paris feierte es mit Hans-Peter Minetti
als "Freud" in Köln und mit Wolfgang Grindemann als "Besucher" in der Deutschen
Erstaufführung am Schauspielhaus Zürich weitere Großerfolge.
Wien, März 1938: Sigmund Freud und seine Tochter Anna sitzen in ihrer Wiener
Wohnung, während auf den Straßen der Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich
bejubelt wird. Anna drängt ihren Vater wegen seiner jüdischen Abstammung zur
Ausreise. Kurz darauf wird sie selbst verhaftet. Freud, der überzeugte Atheist,
verlangt in seiner Angst und Sorge um die Tochter ein Wunder als Gottesbeweis.
- Da kommt plötzlich ein Unbekannter zu Freud und gibt sich als Gott aus. Doch
es ist unklar, ob es wirklich Gott ist, oder nur ein der Irrenanstalt entflohener
Verrückter.
Es kommt zum Streitgespräch zwischen dem Besucher und Freud über Gott und das
Unheil der Welt. Ob Gott oder nicht, Freud sagt dem Besucher seine Meinung:
Religion ist eine kollektive Illusion und wenn Gott tatsächlich existierte,
- um so schlimmer, läßt er doch das Unheil auf dieser Welt zu. Doch auch Gott
(wenn er es denn ist) weiß zu argumentieren: Ist denn der Mensch mit seiner
Überheblichkeit und seinem Größenwahn nicht selbst verantwortlich für die Verbrechen
gegen Natur und Humanität, die auf der Welt herrschen?! Der Unbekannte verwickelt
Freud in Widersprüche, dieser kämpft mit den Mitteln seiner Wissenschaft. -
Eine verbissene Auseinandersetzung, in der die Vernunft gegen den Glauben polemisiert
und umgekehrt. Doch Freud wird immer unsicherer. Wer ist dieser Mann eigentlich?
Ein Einbrecher, wie er zuerst glaubt, ein Geisteskranker, der Satan oder sollte
es tatsächlich Gott selber sein?
Geschickt vermeidet es Schmitt in diesem spannenden, hochintelligenten, philosophischen
und doch immer amüsanten und komödiantischen Dialog, eine Antwort zu geben,
ob der Besucher Gott ist und schafft es, sowohl Freud als auch den Zuschauer
im Ungewissen darüber zu belassen.
Freud will letztendlich den absoluten Gottesbeweis und richtet den Revolver
auf den Besucher, der ihm mit ausgebreiteten Armen entgegentritt...
Zuletzt geändert am: 21.08.2002
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